Kritik und Gedanken
Ich schreibe diese Gedanken nicht aus Enttäuschung, sondern aus ehrlicher Erfahrung. Ich mag Esperanto – und ich schätze, was die Bewegung erreicht hat. Ich spreche auch heute noch immer mit meiner Frau Esperanto. Aber nach vielen Jahren des Lernens, Unterrichtens und Mitwirkens habe ich erkannt, dass auch eine großartige Idee ihre Grenzen haben kann.
🌍 Eine Sprache mit großem Idealismus
Für mich war Esperanto immer die Sprache des Friedens. Sie sollte Menschen über Grenzen hinweg verbinden – unabhängig von Herkunft, Religion oder Nation. Und tatsächlich habe ich durch Esperanto unzählige offene, herzliche Menschen kennengelernt.
Doch je länger ich mich mit der Bewegung beschäftigt habe, desto klarer wurde: Das Ziel von Esperanto war immer weltweit gedacht –
nicht speziell für Europa, sondern als neutrale Weltsprache. Ich selbst war aber immer ein glühender Europäer – nicht zu verwechseln mit der EU –, und für mich stand die Frage im Raum: Kann es nicht eine gemeinsame Brückensprache speziell für Europa geben? Eine, die unsere europäische Identität stärkt und für alle gleichermaßen leicht zu lernen ist?
💻 Esperanto im Internetzeitalter
Als das Internet immer stärker wurde, hatte ich große Hoffnung, dass Esperanto einen neuen Aufschwung erleben würde. Und tatsächlich: die Zahl der Kursteilnehmer – besonders online – stieg deutlich. Plattformen wie Lernu.net machten die Sprache sichtbar.
Doch in der Realität blieb der Effekt begrenzt. Viele begannen mit Begeisterung, aber die meisten verschwanden genauso schnell wieder,
wie sie gekommen waren. In den Vereinen spürte man keine echte Zunahme an aktiven Mitgliedern – vor allem nicht hier in Tirol.
Immerhin wurden ältere Mitglieder, die aus gesundheitlichen Gründen ausschieden, durch jüngere ersetzt. Nur das Organisieren und Kommunizieren wurde einfacher – dank Facebook, Messenger und Online-Gruppen.
⚔️ Als die Friedenssprache ihre Einheit verlor
Der vielleicht schmerzhafteste Moment kam 2014 mit den Ereignissen in der Ukraine. Plötzlich wurde sichtbar, dass auch eine neutrale Sprache nicht automatisch Frieden zwischen Menschen schafft. Die Esperanto-Gruppe in Kiew wollte nichts mehr mit jener in Jalta (Halbinsel Krim) zu tun haben. Es wurde von vielen Esperantisten der Kiever Gruppe in den FB-Eintragungen oder persönlichen Nachrichten geprüft: „Unterstützen diese die Abspaltung von der Ukraine und Angliederung an Russland oder sind sie der Ukraine treu?“ Und schnell wurden fast alle auf Facebook „entfreundet“ oder gar blockiert. Damit war für mich die Illusion der „Sprache des Friedens“ zerbrochen. Ab diesem Zeitpunkt beendete ich meine Esperanto-Aktivitäten endgültig.
⚖️ Gendern und sprachliche Gleichberechtigung
Ein weiterer Punkt, der mich zunehmend störte, war die Ableitung weiblicher Formen von männlichen. Beispiel: knabo (Junge) → knabino (Mädchen). Das mag in der Logik der Sprache einfach sein, steht aber in deutlichem Widerspruch zu modernen Vorstellungen
von sprachlicher Gleichberechtigung und Neutralität.
Gerade im deutschsprachigen Raum, wo über gerechte Sprache intensiv diskutiert wird, ist so ein System heute nicht mehr vermittelbar. Zur Zeit der Entstehung von Esperanto war dar ja noch überhaupt nicht relevant. Man freute sich über die einfache Herleitung der weiblichen Form. Heutzutage empfinden viele das als Rückschritt – und tatsächlich sehe ich darin eines der größten Hindernisse für eine breitere Akzeptanz von Esperanto.
In „natürlichen“ Sprachen wie dem Deutschen ist es in Ordnung, wenn man das so lässt mit dem generischen Maskulinum. Für viele – auch für Frauen – ist das vollkommen in Ordnung. Andere wiederum legen großen Wert auf das Gendern. In einer europäischen Brückensprache sollte diese Möglichkeit allerdings unbedingt vorhanden sein, damit es eine größere Akzeptanz hat. Darüber hinaus kann das Gendern ein einer solchen neutralen Brückensprache richtig elegant gestaltet sein – im Gegensatz zum Gendern im Deutschen.
🧩 Wortbildung und Lernschwierigkeiten
Oft wird gesagt, dass Esperanto logisch und leicht zu lernen sei – und das stimmt grundsätzlich. Aber manches ist zu logisch, so sehr, dass es für Lernende fast künstlich wirkt. Die sogenannten Tabellwörter (z. B. kiu, kio, kie, kiam, tiel, tiu …) sind ein gutes Beispiel:
Das System ist konsequent, doch die Ähnlichkeit der Wörter macht sie schwer unterscheidbar. Ich habe lange gebraucht, um sie sicher zu beherrschen. Auch Vorsilben wie mal- (Gegenteil) oder -ej- (Ort) sind zwar elegant gedacht, klingen aber in der Praxis oft eintönig oder ungenau.
Manchmal wirkte es auf mich, als hätte Esperanto die perfekte Logik – aber zu wenig sprachliche Lebendigkeit.
🗣️ Alternativen und offene Fragen
Nach meiner aktiven Esperanto-Zeit habe ich mich auch mit anderen Plansprachen beschäftigt – vor allem mit Ido und Interlingua. Beide sind interessant, aber sehr stark vom Romanischen geprägt. Für mich fehlte darin das Slawische Element, das für Europa ebenfalls wichtig ist.
Bis heute bin ich auf der Suche nach einer leicht erlernbaren, gerechten Brückensprache für Europa – eine, die sprachlich vielfältig ist
und moderne Gleichberechtigung in der Grammatik berücksichtigt. Sprache ist schließlich immer auch Identität.
Mein Fazit
Esperanto bleibt für mich ein faszinierendes Kapitel in meinem Leben. Ich habe viel gelernt, viele Menschen kennengelernt und den Idealismus der Bewegung zu schätzen gelernt. Für alle, die neue Freunde aus der ganzen Welt kennenlernen wollen, an internationalen Esperanto-Veranstaltungen teilnehmen und Spaß haben, gerne reisen und bei Esperantisten übernachten wollen, kann ich Esperanto mit bestem Gewissen empfehlen.
Aber ich sehe auch, dass die Welt sich verändert hat – und dass eine neue Generation andere Ansprüche an Sprache stellt.
Sicherlich wird Esperanto weiterbestehen und die Esperanto-Bewegung weiterleben – als Symbol für Frieden und kulturelle Offenheit. Doch ich glaube, dass die Zukunft einer neutralen Sprache hier bei uns nicht in einer globalen, sondern in einer europäischen Dimension liegt.
🤝 Gemeinsam weiterdenken
Wenn du ähnliche Erfahrungen gemacht hast – vielleicht Esperanto gelernt, aber Schwierigkeiten oder Vorbehalte hattest – dann würde ich mich freuen, von dir zu hören.
Ich suche Menschen, die ebenfalls an einer neutralen europäischen Brückensprache interessiert sind und die Idee einer gemeinsamen Verständigung weiterdenken möchten.